08. März 10


Ich werde demnächst ausführlicher zu Jaron Laniers neuem Buch schreiben ("You are not a gadget") - es bereitet Freude [Edit: Irgendwann vielleicht...]. Vorab aber ein Gedanke, der mir bei der Lektüre kam und der eine der Kernthesen des Buchs zu bestätigen scheint.

These: Kollektive geistige Arbeit wird von der vorherrschenden Internet-Ideologie völlig überbewertet.

Diese These besagt natürlich nicht, dass so etwas wie kollektive Autorenschaft grundsätzlich schlecht sei (liegt eigentlich auf der Hand, aber ein einfacher Satz wird im Internet-Schnellschuss-Verfahren gerne einmal nur halbverstanden, auch so ein Thema). Was Lanier sagen will ist nur: Individuelle Autorenschaft ist in vielen Bereichen dem kollektiven Gemauschel weit überlegen. Die Internet-Ideologen dagegen sind derartig verblendet, dass sie blind den absoluten Primat des Kollektiven behaupten und fordern (deshalb spricht Lanier auch von Netz-Totalitaristen).

Als Beispiel sei der Vergleich zwischen Wikipedia und der Stanford Encyclopedia of Philosophy ans Herz gelegt. Letztere ist eine Online-Enzyklopädie, deren Einträge von einschlägigen wissenschaftlichen Experten auf dem jeweiligen Gebiet verfasst werden. Die Qualität variiert durchaus, ist aber insgesamt hervorragend. Dagegen sind die Wikipedia-Artikel zu philosophischen Themen bisweilen gut, meist unvollständig und häufig einfach nur witzig.

Preisfrage: Würden Sie lieber einen Enzyklopädie-Eintrag von einem anonymen Autorenkollektiv ohne Anspruch auf irgendwas lesen, oder einen, der von einem Experten verfasst wurde, der sein verdammtes Leben genau diesem Thema widmet, über das Sie gerade einen Überblick gewinnen möchten - und dem Sie eine Mail schreiben können, wenn Sie Fragen haben oder Sie etwas stört?

Nur so eine Frage.

Der Punkt ist: Konzepte wie Wikipedia haben ihren Platz. Aber dieser Platz ist kleiner, als es uns viele Internet-Avantgardisten weismachen wollen. Und Lanier hat verdammt recht, wenn er dafür wirbt, dem Autor als Individuum wieder den gebührenden Respekt zu zollen. Und damit ist nicht der ins Netz ballernde Mashup-Autor gemeint, sondern der Autor, der sich Jahre dafür Zeit nimmt, einen Enzyklopädie-Eintrag zu verfassen.